Clickertagebuch


19. Juni 2009

Wenn man erst mal aufgehört hat Tagebuch zu schreiben, dann ist der Wiedereinstieg gar nicht so leicht. Natürlich passieren immerzu Dinge. Der ganz alltägliche Wahnsinn sozusagen. Nicht immer glaube ich, dass das was ich schreibe wirklich irgendjemanden interessiert. Meistens ist es eher für mich, sozusagen als Verarbeitung. Manchmal weil ich dem ein oder anderen eine Botschaft sende und denke, derjenige wird's schon verstehen.
Fast 3 Monate Pause gab es glaube ich noch nie. Einmal ist immer das erste Mal. Da ich aber gerne bis 2013 durchhalten würde, damit ich zu mir sagen kann: "Hey, 10 Jahre Tagebuch durchgehalten", pack ich es jetzt einfach mal wieder an. Eine nette und ganz persönliche Erinnerung ist es allemal.


Das Leben geht weiter. Ohne Lena. Ganz am Anfang dachte ich, wo bleibt meine Trauer ? Natürlich hab ich welche empfunden, aber nicht in dem Maß in dem ich damit gerechnet hätte. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass Lenchen wäre kurz weg. Auf Urlaub sozusagen. Der Alltag ist so voll gefüllt, dass ich manchmal nur alle paar Tage an meinen Hund gedacht habe. Und gleich danach fühlte ich mich schuldig und schlecht.
Dann gab es die typischen Momente (du willst die Hunde reinrufen, ranrufen, füttern, aus dem Auto springen lassen) in denen du ansetzt "Lena, Banja.....ach, nein. Banja, Bine", die sich einfach nur fies anfühlen. Du stehst nachts auf um zu pinkeln, machts einen Riesenschritt über einen Hund der nicht da ist...... Du hebst in kalten Nächten die Bettdecke um Lena reinkriechen zu lassen und denkst: "Was dauert dass denn so lange" und dann fällt dir ein, dass sie tot ist.
Aber immer noch alles im Rahmen und irgendwann beginne ich zu denken " Mein Gott, bist du gefühlskalt. Nach 13 Jahren und ein bisschen, sollte dieser Hund dir doch viel mehr fehlen". Okay, ich bin dann nicht soooo streng zu mir, weil ich weiß, dass 2 Kinder, ein Haushalt, die verbleibenden Hunde, Hundeschule und Hundeshop keine Zeit lassen für irgendetwas, was mich persönlich betrifft.

Ich muss mich bis in die letzte Minute organisieren, planen, ausführen, drehen, wenden und so hab ich mir erklärt, dass ich nicht mindestens 3x am Tag am Tisch sitze und weine.
Und dann kommt Tag X. Ich suche ein Buch, stöbere überalle herum und finde ein Album. Nanu, ein Einsteckalbum auf dem Schrank, wo kommt das denn her ?

Ich schlage die erste Seite auf und mein Herz setzt einen Moment aus. Lena, Banja und Bine (als Baby). Im Sommer 2003. Fotos die Andrea geschossen hat und mir geschenkt. MEIN Hund ist da, mein wunderschöner Hund. Die Gewissheit dass sie nicht mehr wiederkommt, schlägt ein wie eine Bombe.
Und ganz plötzlich finde ich mich auf dem Teppich vor dem Schrank wieder und weine und weine und weine und kann mich nicht mehr beruhigen. Wie eine Naturkatastrophe bricht es über mich herein. Mein Hund ist tot. Meine Lena. Ich kann nie wieder an ihr riechen, mich an sie kuscheln, sie anfassen. Sie wird nie wieder meine Füße putzen, die Luft verpesten und wedelnd am Treppenabsatz auf mich warten. Bine hat niemanden mehr an dem sie sich orientieren kann. Banja kann ihr nicht mehr die Ohren putzen und sich ankuscheln und plötzlich stelle ich fest, ich bin immer noch in Trauer. Wir alle sind es. Mit mir ist alles okay, ich hab nur einfach keine Zeit für nichts. Als Jörg nach Hause kommt ist er erschüttert mich so vorzufinden. Ich hab mindestens eine Stunde lang Rotz und Wasser geheult und ich kann nicht aufhören, aber nach und nach macht sich Erleichterung in meinem Herzen breit. Es war höchste Zeit die Gefühle zuzulassen, sonst wäre ich explodiert wie ein Schnellkochtopf.

Es ist nicht einfach immer stark, besonnen, aufmerksam und lustig zu sein. Es ist ganz und gar nicht einfach. Irgendwie erwartet dass wohl auch keiner von mir, außer ich selbst. Wenn es soweit geht, dass die Dinge die mich berühren, traurig machen, zum lachen bringen oder an mir nagen nicht nach außen können, dann sollte ich doch wieder anfangen, mir Inseln zu bauen. Inseln an denen ich durchschnaufen und verarbeiten kann. Wie z.B. durch das Schreiben hier. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich in eine Kladde kritzele oder hier Tagebuch schreibe. Hauptsache ich werde den Gefühlsmüll los und fühle mich danach besser. Und ja, derzeit fühle ich mich viel besser.

Also, der Anfang ist geschafft. Die nächsten Tage werde ich wieder von der Pampersfront und dem alltäglichen Kleinkram schreiben. Nicht für euch. Für mich. Gute Erkenntnis.

In diesem Sinne,
Ich-Grüße, Dagmar