Henri
Seit dem 25. Ausgust 2006 bereichert Henri, auch
genannt Sir Henri oder Häuptling Kleine Wolke (er kann machen dass die Luft so
herrlich stinkt) unser Leben. Ich bin nun also Mama. Wer hätte das gedacht ?
Ich am allerwenigsten.
Ohne allzu viel aus dem Nähkästchen zu plaudern,
wenn man 11 Jahre eine Beziehung führt ohne dass es Babys hagelt, kommen meiner
Meinung nach nur 2 Dinge in betracht:
An letzterem hat’s nicht gelegen **rotwerd** ! So
könnt ihr euch ungefähr meine Überraschung vorstellen, als ich einen Tag vor
Heiligabend 2005 merkte, dass ich ziemlich lange schon keine Periode mehr
hatte. Hä ? Das kann doch gar nicht sein ? War aber so und unser persönliches
Weihnachtsmärchen begann….
Die Schwangerschaft war nicht immer lustig, alles
in allem aber doch erträglich. Na gut, wenn ich im nachhinein mein Tagebuch
lese, vielleicht doch nicht *g*.
Die Krönung einer Schwangerschaft ist
logischerweise die Geburt. Auch wenn ich in den ersten drei Monaten meiner
Schwangerschaft häufig darüber nachgedacht habe, wie schön doch so ein
Kaiserschnitt wäre, möchte ich das Erlebnis um nichts in der Welt missen. Ich
fand es gar nicht so schlimm (wenn es nur etwas schneller gegangen wäre). Nun
ja, auch dass kann im Tagebuch nachlesen wer will.
Dann hat man endlich sein Kind im Arm und
betrachtet staunend die Wunder die Mutter Natur vollbringt. Gesund war der
Knirps auch, Gott sei Dank, dann müsste doch jetzt alles in Ordnung sein… oder
?
Nein, nichts war in Ordnung. Kaum aus dem
Krankenhaus entlassen bekam Sir Henri die oft beschriebenen 3 Monatskoliken.
Und selbst wenn ich mich davon erholt habe, möchte ich das nicht noch mal mit
machen. Es ist eine Sache davon zu hören oder zu lesen und eine andere es zu
erleben.
Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, ein
schreiendes Kind zu haben, dass nichts aber auch gar nichts beruhigen kann.
Regelmäßig ist mir der Schweiß ausgebrochen und ich war zutiefst verzweifelt.
Sätze wie: „Das geht vorbei“ und „da musst du durch“ helfen überhaupt nicht und
meine Bitte an alle Ausstehenden, spart euch das dass nächstes Mal. Heute bin
ich mir sicher, ich war kurz davor in eine Depression zu fallen…..
Unvorstellbar, wo wir das Kind doch unbedingt
haben wollten. Leider spielen auch psychologische Aspekte eine Rolle. Wenn dein
Kind stundenlang brüllt, dann fühlst du dich irgendwann einfach nur
angeschrieen. Wenn du es nicht beruhigen kannst, hast du das Gefühl als Mutter
vollkommen zu versagen. Ich bin nur noch durch die Wohnung geschlichen in der
Hoffnung, der Kleine wacht nicht auf und brüllt los. Jedes Mundwinkelverziehen
hat mir Magenschmerzen bereitet und wenn ich mal aus der Wohnung konnte war ich
total erleichtert um dann gleich wieder Schuldgefühle zu haben.
Ich habe immer wieder versucht mit anderen Frauen
darüber zu sprechen, relativ erfolglos. Entweder hatten sie Kinder die eben
pflegeleicht waren (wobei die dann das Weinen ihres Babys mit dem Kolikschreien
meines Kindes verglichen haben und fanden, dass ist doch gar nicht so schlimm)
oder sie wollten gar nichts davon hören. Das hat mich am meisten verwundert.
Eine zeitlang dachte ich, ich bin als unfähigste aller Mütter alleine auf dem
Planeten. Irgendwann habe ich begriffen dass für viele Frauen das
Eingeständniss, dass eine Mutterschaft nicht immer schön, toll oder harmonisch
ist, wohl bedeutet, dass sie auch keine guten Muttis sind…..
Heute nachdem fast 1 ½ Jahre vergangen sind, hat
sich meine Meinung zu unserer Anfangszeit nicht geändert. Ich war und bin
regelrecht traumatisiert und ein echter Spielball meiner Gefühle. Hin und her
gerissen zwischen „Boah, bist du schlecht“ und „wann hört das endlich auf“.
Häufig treffe ich auch heute noch auf Frauen die sagen, dass es ihnen genauso
ging und wie sie gelitten haben und immer öfter frage ich mich, warum das so ist.
Ich glaube eine große Rolle spielt die
Gesellschaft. Wir haben eben immer noch feste Bilder im Kopf davon, wie eine
frische Mutter (ich schreibe extra nicht junge >LOL<), eine junge Familie oder
ein Haushalt zu funktionieren hat. Ich bin die geborene Perfektionist in
einigen Dinge und gerate total unter Stress, wenn etwas nicht so hinhaut wie
ich es mir vorstelle. Mit Baby hat eigentlich gar nichts hingehauen bei mir J.
Ich war ständig schweißgebadet, hätte nach der Geburt eigentlich nur ein paar
Tage Ruhe gebraucht und musste stattdessen jede Stunde mehrmals aufstehen und
mich um den Schreihals kümmern. Egal wie schlecht es mir ging, ich habe unseren
Sohn niemals alleine schreien lassen. Zudem hatte ich sofort nach der
Entlassung aus dem Krankenhaus eine Gebärmutterentzündung, andauernd entzündete
Fingernagelbetten, Schnupfen und stand einfach unter Strom, so dass ich nicht
mal schlafen konnte wenn der Henri endlich still war.
Was habe ich Jörg beneidet, als der wieder
arbeiten gehen durfte.
Heute glaube ich auch, dass es auch ein Problem
unserer Gesellschaft ist. Ich glaube, der Mensch ist dazu geschaffen in
Familien/Clans/Sippen oder wie immer man das nenne mag, zu leben. Und dort,
wäre außer der Mutter immer noch mindestens ein Mensch (einer anderen Generation
mit mehr Erfahrung), der sich dem Baby annehmen würde, wenn die Mutter nicht
mehr kann.
Ganz ehrlich, angenommen ich wäre eine alleinerziehende Mutter in einer
Plattenbausiedlung (wo möglicherweise noch die Nachbarn an die Wände klopfen
wenn das Baby andauernd schreit), ich bin mir nicht sicher ob ich das geschafft
hätte. Schlafentzug ist so ziemlich das furchtbarste was man sich vorstellen
kann, wenn dann noch eine generelle Erschöpfung dazu kommt wundern mich die
Schlagzeilen im Zusammenhang mit Babymisshandlungen in Deutschland kein
bisschen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht alle diese Mütter die da für
Schlagzeilen sorgen psychisch krank sind. Und ehrlich gesagt, mir tun beide
Partein schrecklich leid. Das wäre zu verhindern durch Aufklärung und
Hilfsangebote.
Ich habe mich immer für einigermaßen zivilisiert
gehalten. Doch das hat mir in diesen Situationen überhaupt nichts
genutzt....weil du irgendwann nicht mehr denkst sondern nur noch funktionierst.
Irgendwann ist mir ein Buch in die Hände gefallen,
dass von einer ziemlich alten Hebamme geschrieben wurde. Da standen unheimlich
viele tröstliche Sachen drin. Ihr wisst schon, so nach dem Motto: Du bist nicht
alleine. Das Problem ist so alt wie die Menschheit. Nur aus diesem Grund wurden
im Mittelalter Ammen dazu gezwungen ihre eigenen Kinder abzugeben um die Kinder
reicher Frauen rund um die Uhr zu betreuen (weil die nämlich auch die Krise
gekriegt haben). Wenn ich höre wieviele Kinder manche Hollywoodstars haben,
möchte ich immer gerne dazu wissen, wie viele Angestellte für sie arbeiten und
zwar auch rund um die Uhr.
In diesem Buch stand außerdem, dass es lange lange Zeiten in der Geschichte der
Menschheit gab, in denen Babys Alkohol und Opiate in die Fläschchen gemischt
wurden um sie einfach nur ruhig zu halten. In vielen Ländern werden Kinder
praktisch bis zum 1. Lebensjahr verschnürt in Räumen abgelegt und nur zum
füttern hervor geholt, weil es eben anstrengend und nervenaufreibend ist.
Komischerweise gab es dazu eine Studie in der heraus gefunden wurde, dass die
Kinder, die dann ab dem ca. 1. Lebensjahr am öffentlichen Leben teilnehmen
dürfen, total schnell aufholen und schon nach kurze Zeit, Babys die anders
aufwachsen in nichts nachstehen.
Da standen noch mehr schrecklicher Sachen drin und obwohl die praktischen
Ratschläge erst weiter hinten kamen, hat es mich doch ungemein getröstet. Ich
war eben nicht alleine und es war kein Problem der Neuzeit von uns
„neumodischen“ Müttern. Ich habe Henri nicht alle 4 Stunden hervor gekramt um
ihn zu füttern und zu wickeln, sondern ich stand Tag und Nacht bereit um mich
um ihn zu kümmern. Heute denke ich: Coole Leistung, Olle >LOL<.
In den ersten 3 Monaten war ich dann noch so doof,
alles alleine schaffen zu wollen. Sobald mir jemand angeboten hat, den Henri
mal zu nehmen, zu fahren oder zu betreuen, habe ich mich empört zurück gezogen
oder dankend abgelehnt. Andererseits habe ich Gott und der Welt vorgeheult,
dass mein Leben im Arsch ist. Nichts wird wie früher, ich schaffe das nicht und
bla bla bla. Heute verstehe ich nicht mehr warum. Denn schon nach 2 Stunden
ungestörtem Schlaf ist man ein neuer Mensch. Eine ausgeruhte Mama kann nur gut
sein für das Baby. Man hat neue Kraft, viel mehr Geduld und das überträgt sich
auch wieder aufs Baby. Also wieder was gelernt >LOL<.
Natürlich gab es in diesen ersten Monaten auch
alle Momente des Glücks. Eine tiefe Liebe, Stolz, Fürsorge, Mitleid,
Beschützerinstinkte und alles was dazu gehört. Wenn ich mich aber generell an
diese Zeit erinnere, empfand ich sie als fürchterlich, schrecklich, trostlos,
anstrengend, angsteinflößend. Und das bei einem absoluten Wunschkind !!!
Ich hoffe, ich vergesse es nie, damit mir niemals (wenn mal eine frische Mutter
fragt) herausrutscht „ das geht vorbei....“.
Heute haben sich viele Sachen geändert. Wir haben
einen fröhlichen, aufgeweckten Knirps, der uns jeden Tag mit neuen Fähigkeiten
überrascht und mit einer berührenden Anhänglichkeit seine Mama und seinen Papa
so sehr braucht. Es werden sicher immer wieder schwere Zeiten kommen, aber
bisher war nichts annähernd so nervtötendes dabei, wie stundenlanges
Säuglingsgebrüll, das dir bis in die Knochen dringt und einfach nicht zu enden
scheint.
Ich habe gelernt, dass es mir gut tut Termine wahr
zu nehmen und zu arbeiten. Sobald ich das Haus verlasse, knipse ich den
Mamaschalter aus und bin wieder Dagmar. Zwischendurch bekomme ich immer mal
wieder Anfälle von riesiger Henri-Sehnsucht und dann freue ich mich auf
Zuhause. Auf der Rückfahrt schaltet sich der Mamaschalter wieder ein und es ist
mir völlig egal, wie es bei mir Zuhause aussieht. Ich will dann einfach nur mit
meinem Sohn und meinen Hunden zusammen sein und genieße die Zeit in der wir
spielen, Quatsch machen und uns gut unterhalten.
Wenn ich nicht bei Henri sein kann, ist er mit Leuten zusammen die ihn genauso
abgöttisch lieben wie wir. Die die gemeinsame Zeit mit ihm genießen und sich
viele, gute Sachen einfallen lassen die man mit Kindern unternehmen kann.
Jeder der ihn kennt und sieht, weiß, dass die Regelung die wir für uns gefunden
haben, nicht schädlich für das Kind sein kann. Er quasselt den ganzen Tag, ist
ein problemloser Schläfer und ein toller Esser. Er wächst in einem
Wahnsinnstempo heran, erfasst erstaunlich reif Situationen und hat für so einen
Knirps einen echt tollen Humor.
Ich weiß natürlich nicht, ob er mir später einmal
vorwirft, dass ich arbeiten gegangen bin, obwohl ich nicht „musste“. Ich kann
dann zu meiner Verteidigung nur vorbringen, dass es mir gut getan hat und er
sich nicht mit einer genervten, frustrierten Mama herum schlagen musste.
Und das wäre ich, wenn ich den ganzen Tag hier Zuhause bleiben müsste. Soviel
steht fest.
Ob ihm das reicht, werden wir in den nächsten Jahren sehen (und wenn nicht
kriegt er Zimmerverbot –Stubenarrest finde ich doof, also kriegt er
Zimmerverbot und MUSS draußen spielen- LOL).
Abschließend möchte ich nicht vergessen zu
erwähnen, dass mir in vielen Jahren immer wieder von unterschiedlichen Menschen
unterstellt wurde, ich würde Hunde halten, weil ich keine Kinder habe. Jetzt
ist der Henri da und ich kann klipp und klar eine Aussage treffen:
Meine Hunde waren niemals Kinderersatz, das weiß
ich jetzt mit Gewissheit
Mein Kind ist kein Hundeersatz
(hä?)
Ich habe meine Hunde nicht wie Kinder behandelt, gehalten oder erzogen
Ich behandele mein Kind nicht wie einen Hund (Babys taugen einfach nicht für
Rohfutter und Mantrailing)
Ich habe Hunde gehalten WEIL sie Hunde sind und ich genau das liebe
Ich werde vermutlich immer Hunde halten... was ich von Babys nicht behaupten
mag (aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend).
Dagmar: Henri (Baby) das Frauchen kommt gleich !
Dagmar: Bine (Hund) komm mal zur Mama !
Dagmar: Jörg (Papa) denkst du daran Babyfutter zu kaufen ?!
Es grüßen Euch Dagmar und Henri
Januar 2008